Stories

Für meine Leser und Leserinnen eine in meiner Homepage vierteljährlich erscheinende Story.
Juli/August/September 2022 die Kurzgeschichte „Joy“.

Joy

Es war eine atemlose Zeit, die uns mitnahm, ohne dass wir nachdachten, ohne dass wir es merkten, weil wir planlos herumliefen, andererseits auch Tag für Tag an unserem Treffpunkt standen, an dieser Ecke nahe der Russenkneipe mit der rothaarigen Schlampe, die uns aus der Dunkelheit hinter ihrer Theke beobachtete, immer mal wieder zu uns rüber schielte, dabei den Hals verdrehte als wäre sie eine Videokamera, die aber nur neugierig wie ein alter Hund war, weil wir draußen Bier aus Dosen tranken und Stoff von einem zum anderen wandern ließen, damit wir uns später in der Garage hinter dem Abrisshaus den Schuss geben konnten, denn das war das Tagesziel, nur dort wollten wir hin, letztendlich.

Atemlos war fast alles, was wir damals machten, sogar die Lunge von Joy, der einzigen Frau in der Gruppe, denn Joy röchelte seit ihrer Coronainfektion vor einem Jahr wie ein abgesägter Auspuff und kam kaum noch fünfzig Meter weit, wenn sie zum Supermarkt musste, um ihrer Mutter Dosenravioli, Zigaretten und Gin zu holen, weil auch ihre Mutter anscheinend am Ende war, wie Joy mit geschlossenen Lippen erzählte und dabei eine Handbewegung machte, die nach Schlussstrich aussah. Es gibt eben Zeichen, die total eindeutig sind, die jeder Arsch auf dieser Welt versteht, sozusagen als internationale Sprache für alle Abgesoffenen, das wusste die Joy und wir wussten es auch, denn hin und wieder stieß einer von uns eine Silbe hervor, auch mal einen von diesen abgemurksten Sätzen, die sich fortpflanzen, ohne dadurch besser zu werden, jedoch jeder kapiert, was gemeint ist, weil wir mit abgemurksten Sätzen und klaren Handzeichen aufgewachsen sind.

Auch die Alte hinter der Theke kapierte, was wir wollten, wenn wir bei Regen ins Lokal krochen, was eher selten vorkam da es in unserem Stadtteil kaum regnete, in anderen Stadtteilen öfter, wieso, das konnte niemand erklären, es war so, wie viele andere Dinge auch, die wir hinnahmen wie Lämmer, oder wie saustarke, beinharte Kerle das tun müssen, und natürlich auch die Joy, wie gesagt, sie war die einzige Frau und wir anderen waren zu viert, alle in Lederklamotten, das ganze Zeug geklaut, bis zur Unkenntlichkeit abgetragen, nix Extravagantes, was wir uns sowieso nicht leisten konnten, was wir aber ändern wollten, das war jedenfalls unsere Sehnsucht, nur ein paar neue Klamotten, vielleicht ein Motorrad, eine bessere Kneipe, eine blonde Frau mit langen Haaren und gut geschminkt, nicht billig wie diese Russenschlampe, abgegriffen wie unsere Anziehsachen, insofern gab es da doch eine unausgesprochene Nähe zwischen ihr und uns, was sich hin und wieder in einem Zwiebelwurstbrötchen und einem Wodka niederschlug, wenn die Kneipe leer war, lediglich  der eine oder andere kaputte Typ rumhockte, den ganzen Tag vor einem Glas, manchmal eingeschlafen oder die volle Dröhnung.

Es wurde Zeit, dass sich etwas änderte, wenn keiner mehr eine saubere Unterhose besaß, dann war das Limit erreicht, auch Joy knirschte durch ihre Zahnlücken, dass sie sich gern mal wieder einen neuen BH kaufen würde, nicht immer nur klauen, sie habe einfach keine Nerven mehr, jedes Mal die Verkäuferinnen auszutricksen und dann querbeet durch das Kaufhaus und am Ende doch von einem lausigen Detektivwürstchen aufgegriffen und abgeschleppt, das habe sie jetzt einfach satt, sie wolle mal so richtig shoppen gehen und danach in ein Nagelstudio wie eine normale Tussi, außerdem sei ein neues Tattoo fällig, sie habe sich schon eines ausgesucht, auf ihrem Rücken sei noch Platz für eine ganze Story, dieses Mal wolle sie ein Motiv aus der Bibel, also Adam und Eva im Paradies oder so in die Richtung, was wir alle ätzend fanden, ihr aber nicht widersprachen, jeder soll sein Ding machen, schließlich stirbt auch jeder für sich und muss nicht um Erlaubnis bitten.

Der Tod von Aslan war so ein Fall gewesen, der uns immer noch in den Knochen saß, mit dem wir uns abfinden mussten, ob wir wollten oder nicht, denn es war Aslans Wille gewesen, einen Abgang zu machen, sonst hätte er ja besser aufgepasst, wäre nicht mit einem geklauten Auto und zweihundert Sachen durchgebrannt und frontal gegen den Brückenpfeiler geknallt, dass sein Hirn herumgespritzt ist, was wir am nächsten Tag von Ben erfuhren, der zufällig in der Nacht über die Brücke musste und am Unfallort stehenblieb, bis die Polizei alle wegschickte, nur Ben hatte den Aslan an seiner roten Lederjacke und dem Ring am Mittelfinger erkannt, hatte sich beim Anblick von Aslans zertrümmerten Schädel gleich mal übergeben, war dann davon getorkelt, hat uns zusammengetrommelt und die ganze Scheiße erzählt, bleich im Gesicht und mit zitternden Händen, wie ein alter Mann oder ein Häufchen Elend, was ja vielleicht kein Unterschied ist.

Also haben wir den Aslan beerdigt, sind auf den Friedhof gegangen, wo seine Familie lauthals geschrien und gezetert hat, die Mutter in schwarzes Stoffzeug eingewickelt, der Vater mit weißem Haar und Sonnenbrille, seine Brüder, seine Schwestern, eine Blase Verwandtschaft und das halbe Viertel, wir mittendrin, keiner kannte uns, denn der Aslan hatte die Schnauze gehalten, hatte niemandem verraten, wer wir sind und dass wir zusammengehören, enger noch wie Familie, dass wir uns das geschworen hatten, doch nun war er fort, lag im Sarg und die Erdbrocken polterten auf den Holzdeckel, das Heulen der Frauen wurde lauter und lauter, bis wir es nicht mehr aushielten und uns davonmachten, in unsere Garage liefen und den Abend in geistiger Umnachtung auf den Drecksmatratzen verbrachten, drei Tage lang, bis uns der Hunger raustrieb, der Russenfrau direkt vor die Füße, die nichts sagte, die uns in die Kneipe lotste, Brote schmierte und Kaffee kochte, der bitter wie Galle war.

Keiner von uns zählte die Tage, Wochen und Monate verschwanden im Nichts, nur wir standen in Zuverlässigkeit und starr wie aus der Zeit gefallene Denkmäler auf der Straße, stießen unsere Flüche hervor, schwiegen, tranken, pinkelten hinter der Garage ins Gebüsch, schlürften jetzt öfter mal einen Kaffee bei der Alten, hörten sie leise vor sich hin summen, nickten ihr zu, schamvoll, mit rotem Kopf, aber sie verstand und holte die Zwiebelwurst aus dem Kühlschrank unter der Theke, schob uns Salz hin und manchmal ein hart gekochtes Ei, schickte uns aber sofort vor die Tür, wenn ihr Chef auftauchte, ein teigiger, verschwitzter Kerl mit Goldkette, Glatze und Rollstuhl, der an einem der Tische einparkte, um sich eine Portion Borschtsch, eine Suppe aus Roter Beete und Weißkohl, bringen zu lassen.

Dass er keine Beine mehr hatte war eine Geschichte für sich, die Alte flüsterte zur Erklärung nur ein einziges Wort und obwohl wir mit solchen Dingen nichts zu tun hatten, ging das in unseren Verstand, denn dass ein Mensch, der die Zuckerkrankheit hat, seine Beine verlieren kann, davon hatten wir schon mal gehört, es war sogar so, dass Blacky, der älteste in der Gruppe, einen Vater mit einem kaputten Herz und einem Raucherbein aushalten musste, der hundertfünfzig Kilo wog und den ganzen Tag qualmte, wenn Blacky nicht vergaß, ihm die Zigaretten vorbeizubringen, weil die Mutter schon vor längerer Zeit abhandengekommen war, als Blacky noch klein und hässlich gewesen war, von da an mit dem Vater alleine leben musste, zu seinem Unglück.

Ben,  Blacky, Joy und ich waren ein Team, das niemand auseinandernehmen konnte, auch wenn wir nicht immer einer Meinung waren, jeder auch jedem misstraute, wenn wir mal wieder dicht waren und alles vergessen hatten, was wir uns auf unsere Fahne geschrieben hatten, doch letztendlich waren wir uns einig, dass wir ein Ding drehen würden, wir warteten nur auf die Gelegenheit und den Startschuss, den Blacky geben sollte, der eine Waffe besaß und unser Kundschafter war, ohne dass wir lang darüber diskutieren mussten, denn  Blacky war spindeldürr, seine Beine steckten in schwarzen Röhrenhosen, über die besonders Aslan bis zu seinem Tod Witze reißen konnte, doch später niemand mehr auf Blackys Beine achtete, nur noch auf seine Worte, die uns überzeugten, denn Blacky hatte von der Alten erfahren, dass der Chef der Russenkneipe nicht nur eine Goldkette um den Hals trug, dass er auch einen teuren Wagen mit Chauffeur fuhr und in seinem Hinterzimmer ein Safe stand, der vermutlich nicht leer war.

Es war die Alte, die uns ein Zeichen gab, auf das hin wir in Aktion treten sollten, weil wir längst auf dem letzten Loch pfiffen, kleinere Diebstähle machen mussten und Joy wieder zum Anschaffen ging, was wir ihr ersparen wollten, denn auch wir hatten eine Ehre, auch wenn man die uns nicht ansah, aber nun war die Situation schlimm geworden und wir mussten handeln, egal wie, der Blacky hatte alles vorbereitet, wir fragten nicht wie und warum, wir folgten seinen dünnen Beinen und seinem Befehl, den wir an einem Montag umsetzen wollten, wenn der Chef der Alten zur Untersuchung in ein Krankenhaus musste und das Hinterzimmer schutzlos war, ganz zu unserem Vergnügen.

Den Safe zu öffnen war nicht schwer, die Alte hatte sich die Zahlenkombi gemerkt und Blacky wusste, wie das geht, sodass wir wie Kinder davorstanden und es beinahe nicht glauben wollten, als die sauber aufgeschichteten Geldbündel vor unseren Augen lagen, als Blacky sie in eine Einkaufstasche packte, leise dabei mitzählte, als ob wir ganz und gar komfortabel alle Zeit dieser Welt hätten, er danach die Tasche der Alten übergab und uns bat, Platz zu nehmen, damit er uns an die Stühle festbinden konnte, um sich mit dem Geld und der Alten in aller Seelenruhe davonzumachen, ohne uns.

Joy und Ben heulten auf wie Tiere, mir kroch die Wut in den Kopf und ich sah rot, denn das war messerscharfer Verrat, womit die Sache aus dem Ruder lief, denn nicht nur Blacky hatte eine Waffe, auch ich hatte mein Baby eingesteckt, sodass wir uns eine Schießerei lieferten, bei der Ben, Joy, die Alte und Blacky tödlich getroffen wurden, während mir die Flucht in unsere Garage gelang, wo ich die Tasche abstellte und auf Joys Matratze und dem Prospekt eines Nagelstudios zusammenbrach, weil eine Kugel in meinem Hals steckte.

Alexa Rudolph, Freiburg 2022