Stories

Hin und wieder eine neue Kurzgeschichte für meine Leser!

Joy - eine Großstadtgeschichte

Es war eine atemlose Zeit, die uns mitnahm, ohne dass wir nachdachten, ohne dass wir es merkten, weil wir planlos herumliefen, andererseits auch Tag für Tag an unserem Treffpunkt standen, an dieser Ecke nahe der Russenkneipe mit der rothaarigen Schlampe, die uns aus der Dunkelheit hinter ihrer Theke beobachtete, immer mal wieder zu uns rüber schielte, dabei den Hals verdrehte als wäre sie eine Videokamera, die aber nur neugierig wie ein alter Hund war, weil wir draußen Bier aus Dosen tranken und Stoff von einem zum anderen wandern ließen, damit wir uns später in der Garage hinter dem Abrisshaus den Schuss geben konnten, denn das war das Tagesziel, nur dort wollten wir hin, letztendlich.

Atemlos war fast alles, was wir damals machten, sogar die Lunge von Joy, der einzigen Frau in der Gruppe, denn Joy röchelte seit ihrer Coronainfektion vor einem Jahr wie ein abgesägter Auspuff und kam kaum noch fünfzig Meter weit, wenn sie zum Supermarkt musste, um ihrer Mutter Dosenravioli, Zigaretten und Gin zu holen, weil auch ihre Mutter anscheinend am Ende war, wie Joy mit geschlossenen Lippen erzählte und dabei eine Handbewegung machte, die nach Schlussstrich aussah. Es gibt eben Zeichen, die total eindeutig sind, die jeder Arsch auf dieser Welt versteht, sozusagen als internationale Sprache für alle Abgesoffenen, das wusste die Joy und wir wussten es auch, denn hin und wieder stieß einer von uns eine Silbe hervor, auch mal einen von diesen abgemurksten Sätzen, die sich fortpflanzen, ohne dadurch besser zu werden, jedoch jeder kapiert, was gemeint ist, weil wir mit abgemurksten Sätzen und klaren Handzeichen aufgewachsen sind.

Auch die Alte hinter der Theke kapierte, was wir wollten, wenn wir bei Regen ins Lokal krochen, was eher selten vorkam da es in unserem Stadtteil kaum regnete, in anderen Stadtteilen öfter, wieso, das konnte niemand erklären, es war so, wie viele andere Dinge auch, die wir hinnahmen wie Lämmer, oder wie saustarke, beinharte Kerle das tun müssen, und natürlich auch die Joy, wie gesagt, sie war die einzige Frau und wir anderen waren zu viert, alle in Lederklamotten, das ganze Zeug geklaut, bis zur Unkenntlichkeit abgetragen, nix Extravagantes, was wir uns sowieso nicht leisten konnten, was wir aber ändern wollten, das war jedenfalls unsere Sehnsucht, nur ein paar neue Klamotten, vielleicht ein Motorrad, eine bessere Kneipe, eine blonde Frau mit langen Haaren und gut geschminkt, nicht billig wie diese Russenschlampe, abgegriffen wie unsere Anziehsachen, insofern gab es da doch eine unausgesprochene Nähe zwischen ihr und uns, was sich hin und wieder in einem Zwiebelwurstbrötchen und einem Wodka niederschlug, wenn die Kneipe leer war, lediglich  der eine oder andere kaputte Typ rumhockte, den ganzen Tag vor einem Glas, manchmal eingeschlafen oder die volle Dröhnung.

Es wurde Zeit, dass sich etwas änderte, wenn keiner mehr eine saubere Unterhose besaß, dann war das Limit erreicht, auch Joy knirschte durch ihre Zahnlücken, dass sie sich gern mal wieder einen neuen BH kaufen würde, nicht immer nur klauen, sie habe einfach keine Nerven mehr, jedes Mal die Verkäuferinnen auszutricksen und dann querbeet durch das Kaufhaus und am Ende doch von einem lausigen Detektivwürstchen aufgegriffen und abgeschleppt, das habe sie jetzt einfach satt, sie wolle mal so richtig shoppen gehen und danach in ein Nagelstudio wie eine normale Tussi, außerdem sei ein neues Tattoo fällig, sie habe sich schon eines ausgesucht, auf ihrem Rücken sei noch Platz für eine ganze Story, dieses Mal wolle sie ein Motiv aus der Bibel, also Adam und Eva im Paradies oder so in die Richtung, was wir alle ätzend fanden, ihr aber nicht widersprachen, jeder soll sein Ding machen, schließlich stirbt auch jeder für sich und muss nicht um Erlaubnis bitten.

Der Tod von Aslan war so ein Fall gewesen, der uns immer noch in den Knochen saß, mit dem wir uns abfinden mussten, ob wir wollten oder nicht, denn es war Aslans Wille gewesen, einen Abgang zu machen, sonst hätte er ja besser aufgepasst, wäre nicht mit einem geklauten Auto und zweihundert Sachen durchgebrannt und frontal gegen den Brückenpfeiler geknallt, dass sein Hirn herumgespritzt ist, was wir am nächsten Tag von Ben erfuhren, der zufällig in der Nacht über die Brücke musste und am Unfallort stehenblieb, bis die Polizei alle wegschickte, nur Ben hatte den Aslan an seiner roten Lederjacke und dem Ring am Mittelfinger erkannt, hatte sich beim Anblick von Aslans zertrümmerten Schädel gleich mal übergeben, war dann davon getorkelt, hat uns zusammengetrommelt und die ganze Scheiße erzählt, bleich im Gesicht und mit zitternden Händen, wie ein alter Mann oder ein Häufchen Elend, was ja vielleicht kein Unterschied ist.

Also haben wir den Aslan beerdigt, sind auf den Friedhof gegangen, wo seine Familie lauthals geschrien und gezetert hat, die Mutter in schwarzes Stoffzeug eingewickelt, der Vater mit weißem Haar und Sonnenbrille, seine Brüder, seine Schwestern, eine Blase Verwandtschaft und das halbe Viertel, wir mittendrin, keiner kannte uns, denn der Aslan hatte die Schnauze gehalten, hatte niemandem verraten, wer wir sind und dass wir zusammengehören, enger noch wie Familie, dass wir uns das geschworen hatten, doch nun war er fort, lag im Sarg und die Erdbrocken polterten auf den Holzdeckel, das Heulen der Frauen wurde lauter und lauter, bis wir es nicht mehr aushielten und uns davonmachten, in unsere Garage liefen und den Abend in geistiger Umnachtung auf den Drecksmatratzen verbrachten, drei Tage lang, bis uns der Hunger raustrieb, der Russenfrau direkt vor die Füße, die nichts sagte, die uns in die Kneipe lotste, Brote schmierte und Kaffee kochte, der bitter wie Galle war.

Keiner von uns zählte die Tage, Wochen und Monate verschwanden im Nichts, nur wir standen in Zuverlässigkeit und starr wie aus der Zeit gefallene Denkmäler auf der Straße, stießen unsere Flüche hervor, schwiegen, tranken, pinkelten hinter der Garage ins Gebüsch, schlürften jetzt öfter mal einen Kaffee bei der Alten, hörten sie leise vor sich hin summen, nickten ihr zu, schamvoll, mit rotem Kopf, aber sie verstand und holte die Zwiebelwurst aus dem Kühlschrank unter der Theke, schob uns Salz hin und manchmal ein hart gekochtes Ei, schickte uns aber sofort vor die Tür, wenn ihr Chef auftauchte, ein teigiger, verschwitzter Kerl mit Goldkette, Glatze und Rollstuhl, der an einem der Tische einparkte, um sich eine Portion Borschtsch, eine Suppe aus Roter Beete und Weißkohl, bringen zu lassen.

Dass er keine Beine mehr hatte war eine Geschichte für sich, die Alte flüsterte zur Erklärung nur ein einziges Wort und obwohl wir mit solchen Dingen nichts zu tun hatten, ging das in unseren Verstand, denn dass ein Mensch, der die Zuckerkrankheit hat, seine Beine verlieren kann, davon hatten wir schon mal gehört, es war sogar so, dass Blacky, der älteste in der Gruppe, einen Vater mit einem kaputten Herz und einem Raucherbein aushalten musste, der hundertfünfzig Kilo wog und den ganzen Tag qualmte, wenn Blacky nicht vergaß, ihm die Zigaretten vorbeizubringen, weil die Mutter schon vor längerer Zeit abhandengekommen war, als Blacky noch klein und hässlich gewesen war, von da an mit dem Vater alleine leben musste, zu seinem Unglück.

Ben,  Blacky, Joy und ich waren ein Team, das niemand auseinandernehmen konnte, auch wenn wir nicht immer einer Meinung waren, jeder auch jedem misstraute, wenn wir mal wieder dicht waren und alles vergessen hatten, was wir uns auf unsere Fahne geschrieben hatten, doch letztendlich waren wir uns einig, dass wir ein Ding drehen würden, wir warteten nur auf die Gelegenheit und den Startschuss, den Blacky geben sollte, der eine Waffe besaß und unser Kundschafter war, ohne dass wir lang darüber diskutieren mussten, denn  Blacky war spindeldürr, seine Beine steckten in schwarzen Röhrenhosen, über die besonders Aslan bis zu seinem Tod Witze reißen konnte, doch später niemand mehr auf Blackys Beine achtete, nur noch auf seine Worte, die uns überzeugten, denn Blacky hatte von der Alten erfahren, dass der Chef der Russenkneipe nicht nur eine Goldkette um den Hals trug, dass er auch einen teuren Wagen mit Chauffeur fuhr und in seinem Hinterzimmer ein Safe stand, der vermutlich nicht leer war.

Es war die Alte, die uns ein Zeichen gab, auf das hin wir in Aktion treten sollten, weil wir längst auf dem letzten Loch pfiffen, kleinere Diebstähle machen mussten und Joy wieder zum Anschaffen ging, was wir ihr ersparen wollten, denn auch wir hatten eine Ehre, auch wenn man die uns nicht ansah, aber nun war die Situation schlimm geworden und wir mussten handeln, egal wie, der Blacky hatte alles vorbereitet, wir fragten nicht wie und warum, wir folgten seinen dünnen Beinen und seinem Befehl, den wir an einem Montag umsetzen wollten, wenn der Chef der Alten zur Untersuchung in ein Krankenhaus musste und das Hinterzimmer schutzlos war, ganz zu unserem Vergnügen.

Den Safe zu öffnen war nicht schwer, die Alte hatte sich die Zahlenkombi gemerkt und Blacky wusste, wie das geht, sodass wir wie Kinder davorstanden und es beinahe nicht glauben wollten, als die sauber aufgeschichteten Geldbündel vor unseren Augen lagen, als Blacky sie in eine Einkaufstasche packte, leise dabei mitzählte, als ob wir ganz und gar komfortabel alle Zeit dieser Welt hätten, er danach die Tasche der Alten übergab und uns bat, Platz zu nehmen, damit er uns an die Stühle festbinden konnte, um sich mit dem Geld und der Alten in aller Seelenruhe davonzumachen, ohne uns.

Joy und Ben heulten auf wie Tiere, mir kroch die Wut in den Kopf und ich sah rot, denn das war messerscharfer Verrat, womit die Sache aus dem Ruder lief, denn nicht nur Blacky hatte eine Waffe, auch ich hatte mein Baby eingesteckt, sodass wir uns eine Schießerei lieferten, bei der Ben, Joy, die Alte und Blacky tödlich getroffen wurden, während mir die Flucht in unsere Garage gelang, wo ich die Tasche abstellte und auf Joys Matratze und dem Prospekt eines Nagelstudios zusammenbrach, weil eine Kugel in meinem Hals steckte.

Alexa Rudolph, Freiburg 2022

Milane - eine Schwarzwaldgeschichte

Die Sense hat er sich im Bauernhof ausgeliehen, wie jedes Mal, wenn das Gras gemäht werden muss. Seit über einer Stunde müht er sich schon mit dem schweren Ding ab. Knie und Rücken sind im vergangenen Jahr nicht jünger geworden. Dabei ist es nicht seine Art, Grübeleien über Altersmalaisen nachzuhängen. Wenn er Leute über Krankheiten reden hört, kann er richtig böse werden.

Um seinen Mund spielt ein Lächeln. Er wischt sich Schweiß von der Stirn, packt den Griff der Sense und arbeitet zügig weiter. Der seitlich abstehende Bügel fühlt sich gut an, wächst in die Hand hinein und wieder aus ihr heraus, liegt geschmeidig, rutscht nicht. Mit den Jahren hat sich das Holz abgenützt und sein Volumen auf natürliche Weise verringert. Der Stiel, an dem das dünn geschliffene Sensenblatt befestigt ist, trägt mindestens achtzig Jahre auf dem Buckel, wird aber vermutlich eine weitere Generation auf dem Bauernhof seinen Dienst tun.

Max und Sonja kommen nicht mehr so oft in ihre Hütte im Schwarzwald, die separat und abgeschieden vom Dorf, wie ein kleiner Zahn aus dem Nordhang herauswächst. Sie haben immer seltener Lust, den dunklen, niedrigen Flur von Spinnen, Mäusen und Kröten zu befreien, Feuchtigkeit aufzuwischen und die Küche in Ordnung zu bringen. Sonjas erste Tat, wenn sie das Auto in einer Ackermulde geparkt und Gepäckstücke abgestellt hat, ist das Säubern des kleinen Badezimmers. Danach nimmt sie sich die Wohnstube vor. Einige Flecken auf dem Boden sind so alt wie die Hütte. Wenn aber am Abend die Zimmerchen wieder gut riechen, die Betten frisch bezogen, Rostwasser, Fliegendreck und Staub beseitigt sind, ein Strauß Wiesenblumen auf dem Tisch steht, das Brennholz gerichtet und der Vorrat an Tannenzapfen zum Anfeuern aufgefüllt ist, dann freut sie sich, wie hübsch alles geworden ist und die Hütte einen weiteren Sommer durchhalten wird. Allerdings könnte der nächste Winter bei zu großer Schneelast das Dach ruinieren, oder Schmelzwasser vom Berg ins Kellerloch schießen.

Doch jetzt ist Sommer. Gras und Brennnesseln haben sich an zahlreichen Stellen zu dichten, struppigen Nestern entwickelt, unter denen Löcher und Steine versteckt liegen. Max droht bei jedem Schritt umzuknicken oder zu stolpern, zumal er nur Stoffschuhe trägt. Seine geschnürten, berggängigeren Lederstiefel stehen ordentlich geputzt im Regal, gleich hinter der Brettertür. Max behauptet stur, die leichten Stoffschuhe seien ihm lieber, er schwitze nicht so darin. Sonja schimpft. Sie sorgt sich um ihn. Seine Bewegungen wirken neuerdings steif und unsicher, sogar der Bauer vom Nachbarhof, der mit seinen Stiefeln geländegängig wie ein Allradfahrzeug daherkommt, blickt misstrauisch, machte sich aber gleich wieder davon. Er muss heute die Weidezäume umstecken und möchte keine Zeit verlieren. Wie jeden Sommer hat sich Max nicht nur die Sense bei ihm ausgeliehen, er hat auch den Schleifstein mitgenommen, der auf dem Balken rechts neben dem Scheunentor liegt.

Max müht sich schon seit über eine Stunde mit dem Mähen des steilen Hangs ab, ist aber nicht zum Aufgeben bereit und haut mit voller Kraft in die störrische Wiese. Die Sonne blendet ihn, Fliegen krabbeln über Ohren und Stirn und schon passiert das anscheinend Unvermeidliche. Das Sensenblatt bohrt sich bis zum Anschlag ins Erdreich hinein und steckt fest. Der plötzliche Stopp fährt Max in den Rücken. Er strauchelt, fängt sich im letzten Moment. Von der Weide unterhalb der Hütte tönt das Gebrüll einer Kuh, als würde sich das Tier über ihn lustig machen. Max schlägt nach den Fliegen, wischt die Stirn trocken, steckt das Taschentuch zurück in die Hosentasche und befreit die Sense. Vielleicht ist es vernünftiger, sich kurz auszuruhen und erst am Nachmittag weiter zu arbeiten, wenn es nicht mehr so heiß ist, denkt er erschöpft und lehnt die Sense gegen einen Baum. Schwer atmend läuft er zur Hütte, wo ihn Kühle und Dunkelheit empfangen. Mit dem Ellbogen drückt er den Eisengriff der Küchentür auf.

Sonja bereitet das Mittagessen vor. Er sieht ihren schmalen Rücken und das weiße, hochgesteckte Haar, das aus den Nadeln fällt. Auf dem Fensterbrett steht ein Kofferradio. Klassische Musik läuft. Max öffnet den Kühlschrank. Man müsse dringend im Dorfladen einkaufen, sagt er. Sonja meint, er solle auch Butter mitbringen und etwas Hefe, und vielleicht gäbe es Zwetschgen, von den säuerlichen, er wisse schon welche, am besten er probiere eine, bevor er sie kaufe. Sie habe schon seit Tagen Lust, einen Zwetschgenkuchen zu backen, so passiere ihr das ja immer im August, genau dann bekäme sie Lust auf Zwetschgen. Früher, bei ihrer Mutter, habe es Pfannkuchen mit Zwetschgen gegeben, mit viel Zucker drauf und so heiß, dass man sich den Mund verbrannt habe. Und jedes Jahr kämen ihr von neuem diese Erinnerungen und es sei ihr, als schmecke sie die Zwetschgenvergangenheit.
Sonja wischt eine Träne fort. Immer wenn sie an ihre Mutter denkt, passiert ihr das. Schnell dreht sie sich um und fragt mit brüchiger Stimme, ob Max mit dem Mähen fertig sei.
Max antwortet nicht. Er spürt nicht nur ein heftiges Ziehen im Rücken, er hat sich auch beim Hangabwärtslaufen den Knöchel verstaucht und versucht nun, den Schmerz zu ignorieren. Er weiß, Sonja wird wieder von seinen unmöglichen Schuhen anfangen, und dass er einen Sonnenhut tragen soll. Und er fragt sich, was das eine mit dem anderen zu tun hat, außer, dass Sonja sich zu viel um ihn kümmert, was ihm überhaupt nicht passt. Also beeilt er sich, aus der Küche herauszukommen, hört aber genau, wie sie ihm nachruft, dass er verdammt noch mal die Stiefel anziehen soll, ob er sich denn unbedingt die Beine brechen wolle.

Sonja wäscht Salatblätter, schüttelt das Sieb hin und her, bis kein Wassertropfen mehr herausfällt, dann kippt sie die Blätter in eine Schüssel, in der schon die Sauce aus Olivenöl und frischem Zitronensaft vorbereitet ist. Sie schneidet eine Ochsenherztomate in Scheiben und legt sie darauf. Die hellroten Dinger schmecken so köstlich, wie Liebesäpfel gefälligst zu schmecken haben, denkt sie und lächelt still vor sich hin.

Draußen, vor dem Fenster hangelt sich eine Katze übers Winterholz. Sonja entdeckt im selben Moment Max, der sie von draußen beobachtet. Max fühlt sich ertappt, nimmt rasch die Katze auf den Arm und geht mit ihr fort.
Aus dem Radio krächzen inzwischen die Mittagsmeldungen. Sonja öffnet das Küchenfenster und ruft Max hinterher, dass das Essen gleich fertig sei. Mit einem Holzschieber schrubbt sie in der gusseisernen Pfanne die Bratkartoffeln hin und her. Einige Stückchen sind schon knusprig braun, andere noch eine Spur zu hell. Sonja stellt die Kochplatte heißer. Die Küchentür geht auf und Max kommt wieder herein. Misstrauisch begutachtet er die Kartoffeln in der Pfanne. „Du lässt sie anbraten“, knurrt er. Sonja nickt, eine Bemerkung dieser Art hat sie erwartet. Max kocht am liebsten selbst.

Nachdem sie gegessen und gespült haben, rückt Sonja den Liegestuhl unter den Apfelbaum. Seit ihrer Herzoperation vor zwei Jahren braucht sie mittags eine Stunde Schlaf. Über dem frisch gemähten Hang kreisen jetzt zwei Rote Milane und stellen ihre Flugkünste zur Schau. Die prächtigen Greifvögel mit den kurzen, gelben Beinen und dem tiefgegabelten, rostroten Schwanz gleiten durch die Luft. Das Weiß unter ihren Handschwingen leuchtet wie frischer Schnee. Die Vögel suchen mal wieder Mäuse oder Maulwürfe, die sie mit kräftigen Schnabelhieben töten werden. Kurz darauf kreisen auch die drei kreischenden Jungvögel am Himmel. Sie hatten sich von den Eltern entfernt und waren über dem Tannenwäldchen unterwegs gewesen. Die beiden Altvögel ziehen nun rasch weiter, kurven in immer eleganter werdenden Schleifen davon. Höher und steiler werden ihre Flugbahnen. Die jungen Milane, deren Steuerfedern noch nicht die volle Länge erreicht haben, versuchen ihnen zu folgen.

Max wendet das gemähte und schon leicht angetrocknete Gras mit der Heugabel. Er bewegt sich dabei lockerer und viel unangestrengter als mit der Sense. Seine Arme fliegen hin und her. Er hält die Gabel, als habe er nie etwas anderes getan. Sonja sieht, wie wohl er sich fühlt. Sie muss gerade daran denken, dass Max im nächsten Sommer einen runden Geburtstag feiert, da winkt er und wirft ihr eine Kusshand zu. Sie klettert aus dem Liegestuhl, geht in die Hütte und sucht nach einem Buch. Als sie wieder herauskommt, wäscht sich Max in der Regentonne die Hände und trocknet sie an seinen Hosenbeinen. Kurz darauf nimmt er den Einkaufskorb, den sie für ihn gerichtet hat. Max kontrolliert den Inhalt seines Geldbeutels. Sonja ruft ihm zu, dass er die Zwetschgen nicht vergessen soll. Max kontert gekränkt, dass er nie etwas vergesse, was sie ihm auftrage.

Nachdem Max hinter dem Nachbargehöft verschwunden ist, lässt sich Sonja zurück in den Liegestuhl fallen, streckt ihre Beine aus und blickt in den Himmel. Die Milane segeln unmittelbar über ihr. Sie kommen ihr so vollendet und großartig vor, als wollten sie extra nur für sie eine Sondervorstellung geben. Sonja würde am liebsten Beifall klatschen.

Während die Milane ihre Kunststückchen vorführen und den Jungvögeln das Jagen beibringen, befindet sich Max auf dem Rückweg. Er hat etwas länger im Dorfladen gebraucht, hat mit dem Ladenbesitzer einen kurzen Schwatz übers Wetter und die anhaltende Trockenheit gehalten. In der Hütte angekommen, stellt er fest, dass Sonja eingeschlafen ist. Ihr Kopf liegt an das Holz des Liegestuhls gelehnt. Ein Lächeln entspannt ihr Gesicht. Sonjas Haut wirkt zerbrechlich wie Porzellan, ihr silberweißes Haar umspielt die Stirn. Das Buch ist zugeklappt und verrutscht. Ihre Hände liegen im Schoß. Sonja trägt eine helle Bluse und bequeme Leinenhosen mit aufgenähten Taschen.
Max steht in der Hütte und schaut durchs weit geöffnete Fenster zu ihr herüber. An seinem Arm hängt der schwere Einkaufskorb.

Rasch, und gleichzeitig darauf bedacht, dass der knapp bemessene Platz in den Schränken gut eingeteilt wird, räumt Max die neuen Vorräte ein. Die Zwetschgen kippt er in ein Sieb, überlegt kurz, ob er sie Sonja nach draußen bringen soll, um sie ihr zu zeigen. Er verwirft den Gedanken, er möchte lieber seine Arbeit beenden. Wenn er sich schon die Hangwiese vornimmt, dann muss sie so perfekt aussehen, als sei sie vom Bauern höchst persönlich gemäht worden. Diesen Ehrgeiz hat er jedes Jahr. Das Heu wird er nachher in eine Schubkarre packen und dem Bauern in den Stall werfen.

Max streift die Stoffschuhe von den Füßen, nimmt die Bergstiefel aus dem Regal und schnürt sie zu. Viel zu schwer sind ihm die alten Dinger, aber Sonja soll endlich ihren Willen bekommen, denkt er mürrisch. Leicht gebeugt kraxelt er wieder den Hang hinauf, schickt einen diskreten Blick über die Wiese bis zum Apfelbaum hinter der Hütte.
Ob Sonja ihn beobachtet? Nein, sie schläft fest!
Max blinzelt ins Helle. Er liebt die Stille, die jetzt über der Landschaft liegt. Sanfte, graublaue Hügel, gemähte Wiesen und das ewig dunkle Holz der Höfe fließen zum vertrauten Bild seiner Kindheit. Hier möchte er noch viele Sommer mit Sonja verbringen. Hinter den Elektrozäunen sammelt sich schon das Weidevieh, wie jeden Tag um diese Zeit.

Er macht sich an seine Arbeit. Es dauert nicht lang, da hört er die Schritte des Bauern, der auf dem Weg zum Vieh ist und herüberwinkt. Max schaut auf die Uhr und danach zum Apfelbaum. Angetrieben durch ein unbestimmtes Gefühl, wirft er die Heugabel fort und läuft zur Hütte. Seine Füße eilen bergabwärts, werden schneller und schneller. Max stürmt in die Küche, reißt das Sieb mit den Zwetschgen vom Tisch und ruft, Sonja solle doch unbedingt wachwerden und ihre Augen aufmachen, er habe schließlich die besten Pflaumen der Welt für sie besorgt.
Nach Atem ringend und mit bebender Brust steht er vor der Liegenden. Sonjas Lächeln wirkt wie aufgemalt. Ihre Lider schimmern bläulich matt. Er beugt sich über sie, tastet nach ihrem Puls. Doch da fühlt er nichts. Nur unheilvolle Ruhe. Ganz tief und heiß durchfährt ihn der Schmerz.

Alexa Rudolph, Schwarzwald, Sommer 2020

Im Keller - eine Kellergeschichte

Kleinschmidt und sein Hund leben in einem Stadtviertel mit alten Wohnhäusern, engen Vorgärten und Regimentern von Mülltonnen, kahlen Hinterhöfen und kalten Toreinfahrten, Parkplätzen auf Gehwegen, struppigem Graugrün für Hunde, plattgefahrenen Zebrastreifen und erschöpften Straßen. Nicht zu übersehen, ein brauner, flinker Fluss und eine Brücke aus dicken Steinen.

Kleinschmidt und sein Hund haben auch einen rechten und einen linken Nachbarn. Der Nachbar zur linken Seite hat neulich das linke Nachbarhaus gekauft, obwohl niemand geglaubt hat, auch Kleinschmidt hat es nicht für möglich gehalten, dass dieses baufällige Ding von irgendjemandem gekauft würde. Doch der Nachbar hat zugegriffen und muss jetzt renovieren.

Kleinschmidts linker Nachbar liebt Beton. Seit Monaten lässt der Nachbar Beton ins baufällige Haus pumpen. Tag für Tag laden Lastwagen das schlammige Zeug ab, machen dabei Krach und Dreck. Kleinschmidt und sein Hund stehen auf der Straße und beobachten das Treiben. Da kommt der Nachbar auf ihn zu und spricht ihn an: „Wenn demnächst der neue Statttunnel gebaut wird – Ihr Haus, Herr Kleinschmidt, und alle anderen Häuser, Herr Kleinschmidt, alle werden eines Tages Risse kriegen und irgendwann zusammenfallen. Mein Haus, Herr Kleinschmidt, mein Haus hingegen, das wird bis in alle Ewigkeit stehen bleiben, das verspreche ich Ihnen. Ich hoffe, Sie haben eine gute Versicherung.“

Kleinschmidt zuckt ein wenig zusammen, lässt sich aber nicht bang machen. Kleinschmidt flüstert seinem Hund ins Ohr: „Hund, unser Nachbar zur linken Seite, das ist ein Spinner. Ist ja egal, es muss auch Spinner geben. Ohne Spinner wäre die Welt langweilig.“

Ich will mal eben in meinen Keller gehen, denkt sich Kleinschmidt und steigt sogleich hinab. Weil er ein ordentlicher Mensch ist, findet er, ohne lang kramen zu müssen, was er sucht.

Aha, da hängt ja das gute Stück, denkt Kleinschmidt und zwängt sich in seinen alten, immer noch gut erhaltenen Neoprenanzug. Kleinschmidts Hund sitzt daneben und macht ein kluges Gesicht.

„Sag, Hund, war der Anzug damals schon so eng?“, fragt Kleinschmidt den Hund, was dieser aber nicht beantworten kann, denn Kleinschmidts Hund ist erst zehn Jahre alt. Kleinschmidt zerrt nun die Schwimmflossen aus dem Regal und quetscht seine Fleischfüße in die Gummidinger. Zuletzt kramt er die Taucherbrille hervor und presst sie sich ins Gesicht. Der Hund knurrt ihn wütend an und versteckt sich hinter einer Kiste. „Nun, komm schon, dummer Kerl, ich bin es doch, dein Kleinschmidt, dein Herr und Gebieter!“, schimpft Kleinschmidt. „Weißt du, Hund, für den Fall, dass der Fluss überläuft, ich meine, für den Fall, dass der Stadttunnel unter dem Fluss gegraben wird und wir nasse Füße bekommen, weil irgendein Idiot falsche Berechnungen angestellt hat, für diesen Fall werden wir uns jetzt wappnen, natürlich nicht mit Beton, vielmehr mit einer vernünftigen Taucherausrüstung. Ich werde im Internet suchen, ob ich einen passenderen Anzug finde. Aber günstig muss er sein. Später, wenn alle Bürger wasserdichte Anzüge brauchen, dann klettert der Preis. Das ist wie mit den Benzinpreisen an Ostern, hast du verstanden, Hund?“

Kleinschmidts Hund hebt das Bein und pinkelt. Das Hundebächlein hat es eilig, wird lang und länger, rinnt quer über den abschüssigen Kellerboden, was Kleinschmidt stutzig macht, denn bisher ist er davon ausgegangen, dass der Keller im Wasser ist, also eben. Da fließt das Hundebächlein drauflos, bekommt immer mehr Tempo und rennt davon.

„Hund, das ist ein schlechtes Zeichen“, murmelt Kleinschmidt.

Kleinschmidt versucht aus dem Neoprenanzug, der ihn wie einen Rollschinken einschnürt und ihm kaum Luft lässt, wieder herauszukommen. Ungeduldig reißt er am Reißverschluss, bis der Reißverschluss zerreißt. Zwei Reißverschlusshälften hängen in der Luft, finden keine Verbindung mehr und Kleinschmidt reißt den Anzug entzwei. Das ist Pech, denkt Kleinschmidt, hat aber sofort eine Idee, was er aus dem zerrissenen Anzug machen könnte.

Ich werde dem Hund ein Mäntelchen mit Schwimmflügeln schneidern, denkt Kleinschmidt. Das brave Tier soll nicht untergehen, falls das Haus im Fluss baden geht, falls der Stadttunnel gebaut wird.

Frohgemut zieht Kleinschmidt seine Taucherbrille aus und stülpt sie fürsorglich dem Hund über. Mit der Taucherbrille sieht Kleinschmidts Hund wie ein Mensch aus. Wie Kleinschmidt.

Kleinschmidt streckt sich und klettert in das Vorratsregal mit den Marmeladengläsern, die unter seinen forschen Tritten und den großen Flossenfüßen, zu klirren beginnen. Ein Gläserkonzert! Kleinschmidt denkt sofort an das Adagio für Glasharmonika von Mozart, was er neulich beim Surfen auf youtube.de angeklickt hat. „Dies nun in meinem Keller, wo leider niemand zuhört. Gäbe es doch Musikfreunde, die das Stück mit mir zusammen anhören könnten“, murmelt Kleinschmidt ergriffen.

Kleinschmidt versucht eines der Marmeladengläser zu packen und gleichzeitig das Gleichgewicht zu halten, darauf bedacht, sollte er stürzen, nicht auf den Hund zu stürzen. Dieser hat sich jedoch längst in Sicherheit gebracht und ist ebenfalls in das Regal gesprungen. Kleinschmidts Hund hat den Schwanz eingezogen, die Beine nach rechts und links gespreizt, um sich auszubalancieren. Der Hund sieht aus wie ein Bettvorleger. Ein hübscher Bettvorleger, denn das Fell von Kleinschmidts Hund leuchtet in schönstem Gelb, gelb wie auch das Haar von Kleinschmidt. Herr und Hund gleichen sich wie Geschwister, wie ein doppelter Kleinschmidt.

Kleinschmidt stöhnt auf, er spürt seine Arthrose. Die Turnübungen im Vorratsregal werden eckiger und fahriger. Das Regal schwankt. Kartoffeln flitzen über den Kellerboden. Die Erdäpfel, die ebenfalls im Vorratsregal ihren Platz haben, haben den Weg in die Freiheit eingeschlagen und kullern in die Hundepfütze.

Bei Gott, es geht wirklich bergab, denkt Kleinschmidt mit schmerzverzerrtem Gesicht, denn auch sein Hund verliert die Haltung, rutscht zwischen Regal und Wand und steckt fest.

Kleinschmidt hört den Hund wimmern. Auch ihm kommen Tränen. Dabei weiß er genau, dass ein Mann nicht weinen darf. Doch er kann es nicht verhindern und schluchzt.

„Da hilft auch Mozarts Adagio nicht, die Stimmung ist versaut. Wenn ich könnte, würde ich ein Requiem spielen, aber ich überlasse alles dem Zufall. Ich warte ab“, sagt Kleinschmidt zu den Marmeladengläsern, die ihm einstimmig zustimmen. „Lieber Herr Kleinschmidt, irgendwelche Töne gibt es immer, wir strengen uns an“, trösten ihn die Marmeladengläser.

Kleinschmidt wischt mit dem Ärmel die Tränen ab. Und genau in diesem Moment passiert das Unglück. Das Vorratsregal bricht mit Getöse in sich zusammen. Kleinschmidt tritt ins Leere, umklammert ein Brett, von dem er nicht weiß, woher es kommt und wohin es geht. Kleinschmidt hält sich wie ein Ertrinkender fest, stürzt, stürzt tiefer als er je in die Höhe geklettert war. Kleinschmidt schreit auf: „Hier tut sich gleich der Boden auf. Ich bin auf alles gefasst, auch darauf, dass die Stadt inzwischen den Stadttunnel baut. Wenigstens einen Zettel hätten sie mir in den Briefkasten werfen können, mich vorwarnen, dass Erdarbeiten begonnen haben und mein Keller gefährdet ist, dass Mann und Hund in größter Gefahr schweben. Vielleicht hat der Beton-Nachbar doch recht getan und wird nun überleben. Was für eine Ungerechtigkeit!“

Ja, Kleinschmidt kann seinen Nachbarn auf den Tod nicht ausstehen. Einmal Klugscheißer, immer Klugscheißer. Für den Fall, dass alle sterben und nur der Nachbar überlebt, wäre das eine mordsmäßige Gemeinheit und nicht mit dem Schicksal abgemacht, denkt Kleinschmidt, der ein Leben lang darauf bedacht war, kein Klugscheißer zu sein.

Kleinschmidt stürzt mitsamt Vorratsregal in die Tiefe. Jetzt könnte ich meine Taucherbrille gebrauchen, denkt Kleinschmidt, aber die trägt ja der Hund. Mit Taucherbrille sähe ich wie ein Pilot aus, nicht wie ein Untergeher, der vom Vorratsregal erschlagen wird.

Kleinschmidt lässt endlich den traurigen Rest des Regals los und springt. Kleinschmidt hechtet dahin, wo die alte Matratze liegt, in der die Mäuse überwintern. Quietschend stöbern die Mäuse auseinander. Kleinschmidts Mäuse fliehen und rennen um ihr Leben, das ihnen so kostbar ist wie Kleinschmidt sein Leben, und Kleinschmidt denkt gerührt: Leben ist eben Leben, da gibt es keinen Unterschied.

Kleinschmidt landet auf der Matratze. Staub wirbelt auf, als wäre ein Staubsaugerbeutel geplatzt. Als Kleinschmidt endlich wieder aus den Augen schauen kann, erkennt er erfreut, dass auch der Hund lebt. Das Tier trippelt auf allen Vieren, blickt verwundert durch die Taucherbrille, schlackert mit den Ohren und leckt Kleinschmidt dankbar die Hand. Da bekommt Kleinschmidt ein schlechtes Gewissen, denn er hatte den Hund schon abgeschrieben und in Gedanken eine Todesanzeige entworfen. „Heute verschied unter tragischen Umständen mein geliebter Hund. Ich werde ihn nie vergessen. Stets stand er mir treu zur Seite. In tiefer Trauer: Kleinschmidt.“

Die Anzeige habe ich gespart, denkt Kleinschmidt, dafür kann ich mir einen neuen Neoprenanzug und Flossen leisten. Eine Anzeige, wenn sie überregional ist, kostet mindestens ein paar hundert Euro.

„Hund, ich bin ja so froh, dass du lebst. Wir sollten das feiern, wenn wir aus dem Keller herauskommen. Wenn! Noch ist nicht geklärt, was eigentlich passiert ist, welche Erdbewegungen es waren, die den Keller ins Wanken gebracht haben“, erklärt Kleinschmidt seinem Hund.

Kleinschmidts Hund kratzt an der Kellertür und gibt zu verstehen, dass er raus will. Kleinschmidt rappelt sich von der Matratze auf, humpelt zur Tür. In dem Moment öffnet sich die Kellertür wie von Zauberhand. Ein weiches, warmes Lüftchen zieht um die Ecke, ein heller Lichtschein tritt ein. Als Kleinschmidt sich die Augen gerieben und der Hund einen Beller verloren hat, ist beiden klar, dass sie im Freien stehen, dass nichts mehr um sie herum existiert. Rechts und links sind die Häuser zusammengebrochen, die Straße ist zerbröselt, der Fluss ertrunken und die Baumallee wie Dominosteine umgefallen. Die Sonne strahlt geradezu widerlich, als mache sie sich über Kleinschmidt, über Kleinschmidts Hund und das ganz Theater lustig.

„Nichts ist mehr wie es war, wir sind verloren“, flüstert Kleinschmidt und setzt sich auf einen Stein. Sein Hund legt ihm die Schnauze auf die Knie und meint: „Mensch Kleinschmidt, nun zieh doch endlich mal die Flossen aus, du siehst doch, Schwimmen ist unmöglich.“

Kleinschmidt nickt. Staub fällt ihm aus dem Haar, das nicht mehr gelb, sondern weiß ist und auch der Hund sieht ziemlich alt aus.

Aus Kleinschmidts Brust entflieht ein Seufzer: „Ach ja, es ist doch interessant, wie rasch die Lebenszeit vergeht. Gestern noch war ich ein junger Mann und heute ist alles vorbei. Was für eine Erschütterung!“

Alexa Rudolph, eine Kellergeschichte, 2019